Die Welt (German)

Stein der Weisheit

Seit alters her führt die Via Dolorosa auch zum Ort der Kreuzigung Christi. Ein jüdisches Ehepaar in Jerusalem hat bei Grabungen im Keller die Platte gefunden, auf der Jesus vor Pilatus gestanden haben soll

Von Paul Badde

20.04.00

Jerusalem, Jerusalem! Schwalben stürzen zirpend zwischen den Kuppeln der Doppelkirche durch den Himmel. Ein wenig tiefer spiegelt sich das Gold des Felsendoms in einem losen Fenster. Warmer Wüstenwind fegt über die Dächer. Ob der Chamsin wohl auch am Tag der Kreuzigung hier geweht hat? Gewiss macht er in Jerusalem schon seit Urzeiten die Menschen im Frühling verrückt. Und sicher endet seit jenem Tag genau da oben die Via Dolorosa. Von dort oben her wird auch jeder Kreuzweg jeder Dorfkirche Europas wahr, als Erinnerungsweg an das erschütterndste Fehlurteil der Weltgeschichte.

Unter der kleineren Kuppel mit dem größeren Kreuz wurde Jesus von Nazareth als “König der Juden” hingerichtet, wahrscheinlich am 7. April des Jahres 30. Damals lag der Ort noch frei und außerhalb der Mauer, wo jetzt und von alters her innerhalb der Kirche auf dem Plateau eines Felsens die verschiedenen Orte verehrt werden, wo Jesus entkleidet, wo er nackt ans Kreuz genagelt wurde, wo das Kreuz aufgerichtet und der blutige Leichnam schließlich vor den Augen der Mutter vom Holz abgeheftet wurde. Die Nägel, die ihm durch die Handgelenke getrieben wurde, waren brutal groß. Es war keine Kleinigkeit, sie wieder herauszuziehen.

Vor gut zehn Jahren wurde auf dem Gipfel bei der letzten Ausgrabung ein enger Felstrichter entdeckt, in den man leicht einen starken Galgenbalken aufrecht verankern konnte. Einen Meter daneben spaltet ein Riss den Felsklotz vom Gipfel bis zum Grund, wie von einem gewaltigen Erdbeben. Es sind dies die 10., die 11., die 12. und die 13. Station des traditionellen Kreuzweges, der durch das Gassengewirr der Stadt hier hinauf und von dort nach 80 weiteren Schritten – und 18 Stufen tiefer – hinunter in die leere Grabkammer unter der großen Kuppel führt.

All diese Orte sind ganz real. Jedes Wort der Passion hat in Jerusalem einen eigenen Ort. Der Eroberung der Welt durch immer mächtigere Scheinwelten widersetzt sich diese Stadt durch Plätze und Räume schierer Wirklichkeit. Dennoch lässt sich im Gegensatz zum unzweifelhaften Ende der Via Dolorosa der historisch genaue Anbeginn dieses Leidensweges auch in Jerusalem schon viel schwieriger bestimmen.

Traditionell wird er etwa seit der Zeit der Kreuzfahrer kurz hinter dem Löwentor über den Fundamenten einer Zwingburg aufgenommen, von der aus die Römer den Tempelplatz beherrschten. Es ist jetzt eine Koranschule. Hier, nimmt man an, wurde Jesus zum Tod verurteilt; von hier nahm deshalb das Hinrichtungsverfahren seinen Verlauf. Ein paar Schritte weiter wurde ihm das Kreuz auf die Schultern gelegt. Kurz danach bricht er erstmals zusammen. Zwei Ecken weiter – bei der armenischen Kirche “Unserer Lieben Frau von den Schmerzenskrämpfen” – erblickt er seine Mutter in der Menge. Ein Passant wird abkommandiert, den Schwerverletzten zur Hinrichtung zu stützen. Eine Unbekannte wischt ihm das Blut aus dem Gesicht. Er stürzt noch einmal, gerade beim Stadttor, an der sein Urteilsspruch an eine Säule geheftet ist. Weinende Frauen umringen ihn. Er spricht sie an, und bricht noch einmal zusammen. Fliegen umsurren seine verklebten Augen. Jeden Freitag folgt eine christliche Pilgerprozession diesen Erinnerungsstationen.

Durch das muslimische Viertel führt der Weg die klassische Via Dolorosa entlang, unter dem römischen Ecce-Homo-Bogen hindurch, nach links durch die El-Wad-Straße, hinüber zur Marktstraße des Souk Khan Ez -Zeit, bis zum Souk Ed-Dabbagha, der von dort nach rechts um drei Ecken in die Grabeskirche mündet.

Es ist ein ergreifender Weg; erst kürzlich ist er mit Mitteln aus Deutschland teilweise neu gepflastert worden – zur “Erinnerung an den Kreuzweg eines Juden”, wie Franz Henrich, der Direktor der Katholischen Akademie in Bayern Anfang März bei der Wiedereröffnung zu bedenken gab. Es gibt für diese erste Strecke allerdings auch noch eine andere, ältere Überlieferung, die hier in Jerusalem keine einzige Kreuzwegstation oder Kapelle mehr markiert. Er geht unter einem großen Parkplatz hindurch, mit ungewissem Verlauf und immer unterirdisch, bis er schließlich ebenso gewiss in der Grabeskirche mündet. “Denn wissen Sie”, sagt Theo Siebenberg, “Flavius Josephus hat ja jüdisch gedacht. Das heißt, dieser antike Historiker hat auch entlang der hebräischen Schrift gedacht, die von rechts nach links gelesen wird. Wenn er also in seinem Buch über den jüdischen Krieg von dem Palast der Hasmonäer, in dem Pilatus nach Auskunft der Evangelisten Gericht hielt, auf der anderen Seite der oberen Stadt sprach, dann war dieser Palast hier, genau hier, und nicht die Burg Antonia im Norden des Tempelplatzes.”

Theo Siebenberg ist 1940 in dem alten Studebaker seines Vaters zusammen mit einem Berg voller Koffer und sieben anderen Personen gerade noch rechtzeitig den Todesschwadronen Hitlers aus Antwerpen entkommen. Das Leben des Kindes von damals ist danach ein Roman geworden, Melancholie umschattet seine freundlichen Augen. Über Stationen in England und Amerika ist der Sohn eines Diamanthändlers ein Jahr nach dem Sechstagekrieg 1968 mit seiner polnischstämmigen Frau Miryam in die gerade zurückeroberte jüdische Altstadt gezogen – über eine Kette merkwürdiger Zufälle, genau auf den Platz, von dem er vom ersten Augenblick an dachte, dass ihm kein Ort auf der Welt lieber sei. Hier, auf einem Grundstück südwestlich der Klagemauer hat er sich damals geschworen, ein Haus zu bauen, aus dem er “nie mehr vertrieben” würde. Und während er nach oben baute, ließ er gleichzeitig nach unten graben, um hier die jüdischen Wurzeln Jerusalems freizulegen. Der Ruf eines Muezzins dringt von ferne in das elegante Gemäuer, als er von der Odyssee seines Lebens und diesem letzten Abenteuer erzählt. “Alle Archäologen sagten, wir würden hier nichts finden”, sagt seine Frau auf dem Dach des Hauses. In Terrakotta-Kübeln scheinen hier oben alle Pflanzen der Bibel zu gedeihen. Der Blick schweift hinüber zur Klagemauer, den muslimischen Domen des alten jüdischen Tempelbergs, hinauf zum Ölberg und wieder hinab über die judäische Wüste, die sich da hinten in vielen Wellentälern zum Toten Meer hinunterschwingt.

Gerade zuvor haben wir uns in dem sorgfältig ausgebauten Keller das große “Nichts” angeschaut, das die Siebenbergs hier gegen den Rat der Experten aus schierer Leidenschaft dem Boden entrissen haben: Gräber aus der Zeit König Davids und Salomos, Ritualbäder aus der Zeit des 2. Tempels und vor allem solch riesige Zisternen, wie sie nur einem Palast zur Verfügung stehen konnten, dazu Teile der Wasserleitung, die diese Bassins mit Wasser aus Hebron gespeist haben. “Das ist die Leitung, aus der Pilatus zur Empörung der Juden die Pferde seiner Wache saufen ließ”, sagt Frau Siebenberg, “es kann überhaupt nirgendwo anders gewesen sein.”

Ihr ganzes Vermögen haben sie in das Unternehmen gesteckt, das inzwischen auch längst die Anerkennung der Fachwissenschaft gefunden hat. Das “Siebenberg-House” ist eine einzigartige Adresse Jerusalems geworden. Denn ungeachtet ihrer Suche nach dem jüdischen Erbe haben sie natürlich auch noch ganz andere Wurzeln zu Tage gefördert. Anders dürfte es in dem vielschichtigen Boden dieser Stadt nirgendwo kaum möglich sein. Dafür sind zu viele Eroberer über diese Hügel gezogen, Babylonier, Assyrer, Römer, Perser, Kreuzfahrer, Mamelucken . . . Von den Römern ist bekannt, dass sie in ihren eroberten Städten normalerweise die schönsten Villen oder kurzerhand die jeweilige Residenz der Fürsten als Amtssitz ihrer Statthalter beschlagnahmten. Das war das “Prätorium”, von dem es beim Evangelisten Johannes heißt: “Nun führte man Jesus . . . in das Prätorium. Es war früher Morgen.”

Im Pilgerbericht eines Bischofs aus Maiuma bei Gaza aus der Zeit um 450 lesen wir, wie er exakt hier eine “Kirche des Pontius Pilatus besucht”. Es muss das letzte Haus gewesen sein, in dem dem verhassten Prokurator solche Ehre zuteil geworden ist. 80 Jahre später beschreibt ein Archidiakon Theodosius an der gleichen Stelle eine “ecclesia sanctae sophiae” – eine Kirche der Heiligen Weisheit, gerade hinter der riesigen Nea-Basilika, von der vor kurzem unweit von hier – unter dem neuen Parkplatz – Teile ausgegraben worden sind. Beide Kirchen wurden 614 von den Persern zerstört, mit 600 Toten in der Nea-Basilika und 477 in der Kirche der heiligen Sophia, wie es in einem Bericht aus dem Wüstenkloster St. Sabas heißt. So gut wie nichts ist von diesen Kirchen übriggeblieben, vor allem von der Sophienkirche nicht – bis die Siebenbergs hier zu graben anfingen.

Vor ihrem Keller hat uns Frau Siebenberg vorhin ins Freie geführt und unter einem Vordach eine halb voll gelaufene Zisterne voller Gerümpel gezeigt, in deren festem Verputz ganz deutlich die Reliefs dreier uralter byzantinischer Kreuze auszumachen sind. “Wo sonst, wenn nicht in der Zisterne einer Kirche, würden solche Kreuze wohl angebracht werden.” Dies ist jedoch nicht der Grund, dass die Siebenbergs uns in ihr Haus eingeladen haben. Pater Bargil aus der Benedektiner-Abtei hatte uns mitgenommen. Wir haben ihn zufällig auf dem Weg hierhin getroffen. Theo Siebenberg habe in seinem Trümmergrundstück noch einen rätselhaften Stein gefunden, den er schon lange einmal jemandem zeigen wolle, sagt er, besonders jetzt, wo er immer älter werde.

Vielleicht 20 Jahre liege der Klotz schon in einem Schuppen hinter dem Haus. Nun hat er eigens einen Handwerker kommen lassen, der uns dort aufschließt und einen großen rechteckigen makellos behauenen weißen Block vor uns aufrichtet. “Haben Sie auch den Text dabei?” fragt Theo Siebenberg. Pater Bargil nickt, holt eine Fotokopie hervor und übersetzt aus dem Latein ins Englische, aus dem Bericht eines anonymen Pilgers aus Piacenza, aus dem Jahr 570: “Wir beteten auch im Prätorium, wo der Herr verhört worden ist. Dort befindet sich jetzt die Basilika der Heiligen Weisheit vor den Ruinen des Salomonischen Tempels. In dieser Basilika . . . befindet sich der viereckige Stein, der mitten im Prätorium stand und auf den der Angeklagte gehoben wurde, damit er von allem Volk gehört und gesehen würde. Auf diesen ist auch der Herr gehoben worden, als er von Pilatus verhört wurde.”

Die Sonne taucht den Block in blendendes Weiß. “Warum wurde die Pilatus-Kirche eigentlich in Sancta-Sophia-Kirche umbenannt?”, frage ich. Pater Bargil schaut mich an und steckt den Pilgerbericht zurück in seine alte Aktentasche: “Weil die Weisheit Gottes sich nicht zu schade war, sich hier dem Urteil der Menschen auszuliefern.”

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